Sonntag, 10. Mai 2009Den Zugang zum Glauben offenhalten
Alois Brandstetter schreibt in seinem Buch „Die Abtei“ auf recht witzige und doch ernst gemeinte Weise: "Die Ungläubigen schließen glatt von einem betrunkenen Pförtner in einem österreichischen Kloster auf den Papst in Rom, oder sie schließen überhaupt gleich auf die Existenz oder Nichtexistenz Gottes. Wenn sie sehen, daß sich in der Pförtnerloge nichts rührt, sagen sie, Gott ist tot." –
Ich denke, die Christen müßten sich alle in der Rolle der Pförtner, die Einlass gewähren oder Einlass verwehren, wiederfinden. Wenn andere skeptisch, aber gelegentlich doch mit Erwartungen, auf die Kirche schauen, dann sehen auch sie zuerst die ganz konkreten Personen. Sie alle, jeder einzelne mit Namen bekannte Christ, wird beurteilt. Schlechte Erfahrungen versperren den Zugang zum Glauben. Erfahrungen mit der Güte, der Hilfsbereitschaft, der Liebenswürdigkeit von Christen machen den Zugang zum Glauben, zur Gemeinschaft der Glaubenden, zur Kirche möglich. Wir sind, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht, Pförtner der Kirche. Dabei müssen Christen nicht perfekt sein. Sie vertrauen darauf, daß bei allem eigenen Bemühen es doch Gott ist, der führt und trägt. Ich wünsche Ihnen, daß es ihnen gelingt, ein guter Pförtner des Zugangs zum Glauben zu sein und anderen mit ihrem Beispiel den Glauben zu ermöglichen. Dienstag, 5. Mai 2009Viel Lärm um nichts?
„Die Maschine ist ca. vier Meter lang, zwei Meter breit und vier Meter hoch. Etwa 2000 verschiedenste Bestandteile sind zu einem bebenden, schwingenden, drehenden, dröhnenden, leuchtenden und blinkenden Wunderwerk verbaut, das durch 25 Elektromotoren zum Leben
erweckt wird. Die Maschine besteht neben Spulen, Schläuchen und Drähten aus so unterschiedlichen Teilen wie einem Adler aus Porzellan, einem Orgelgebläse, einer Infrarotlampe, drei Blaulichtern, 64 Vogelpfeifen, 200 Glühbirnen, 14 Glocken, einer Sauerstoffflasche als Antrieb für die windgetriebenen Teile, einer Spielzeugrakete, die er sich extra aus Japan schicken ließ und vielem mehr. Durch die permanente Bewegung der Maschinenteile entstehen Licht- und Geräuscheffekte. Der Ausdruck „Weltmaschine“ ist ein Notname, da ein „Zweck“ der Maschine nicht erkennbar ist, und auch der Erbauer selbst antwortete auf solche Fragen ausweichend.“ - So ähnlich beschreibt das Internetlexikon „Wikipedia“ die „Weltmaschine“ des oststeirischen Bauern Franz Gsellmann. Haben wir es hier etwa mit einer besonders subtilen Form der Kritik an unserem Pfarrleben zu tun? Freitag, 1. Mai 2009Kein Ende der Sehnsucht?
Stellen Sie sich vor, eine Fee würde bei Ihnen erscheinen und Ihnen sagen: Du hast Wünsche frei, nicht drei, nicht fünf, nicht hundert, sondern beliebig viele! Stellen Sie sich vor, sie begännen mit dem Einlösen der ungewöhnlichen Zusage: Aller Komfort, aller Reichtum, Gesundheit, würde sich bei Ihnen einstellen.
Und dann? Wären Sie dann zufrieden? Ich glaube nicht. Denn das wissen wir ja auch aus unserem eigenen Alltag, in dem die Feen so selten sind: Kaum haben wir etwas lange Ersehntes erreicht, so wird es langweilig. Das einzige, was in unserem Leben nie versiegt, ist die Sehnsucht nach mehr, nach anderem, nach größerem. Sind wir jemals zufriedenzustellen? Es gibt kein Ende unseres Verlangens. Wir sind die immer unerfüllten Wesen, und das ist gut so. Das ist nämlich unser Zugang zu dem Wissen, daß unsere wirkliche Erfüllung noch aussteht, und daß es eine Erfüllung ist, die wir uns nicht selber geben können. Unsere unstillbare Sehnsucht kann gelesen werden als ein Hinweis auf Gott. Er ist die Antwort auf unsere Unerfülltheit und Sehnsucht. Kein noch so großer selbstgeschaffener Reichtum, kein anderes Geschenk kann diese Antwort aufwiegen. Mittwoch, 22. April 2009Gegen den Wind aufkreuzen
Wenn ich an den Sommer und die Ferien denke, dann kommen mir die weißen und bunten Segel der Boote in den Sinn, die wir auf unseren Badeseen beobachten können. Nahezu lautlos gleiten die Boote dahin; sie alle ziehen, vom selben Wind getrieben, auf verschiedenen Bahnen dahin, fahren in unterschiedliche Richtungen, kreuzen ihre Wege. Diese Boote lassen sich nicht einfach im Wind treiben, sie sind lenkbar auf den Wegen ihrer Besitzer.
Segeln – ist das nicht ein Gleichnis unseres Lebens? Gelegentlich verspüren wir Rückenwind bei unseren Vorhaben, oft bläst uns aber der Wind ins Gesicht, gelegentlich geraten wir in stürmische Zeiten, die uns aus der Bahn zu werfen drohen. Und die antriebslosen Zeiten, die Flauten unseres Daseins, kennen wir ebenso. Wir sind unterwegs wie auf Segelbooten, gelegentlich auch mit etwas zu wenig Tiefgang, manchmal drohen wir auch zu kentern an den Schwierigkeiten, um die wir kaum herumkommen. Wir brauchen keine Segler zu sein und haben es in unserem Leben doch mit ähnlichen Aufgaben zu tun: Wir müssen wissen, woher der Wind weht. Wir müssen sensibel sein für das Nützen der Möglichkeiten um uns, ja in uns. Wir sollten die Herausforderung annehmen, die sich aus unseren persönlichen Interessen, Begabungen und Antrieben ergibt. Nützen wir, was wir an Strömungen und Kräften um uns und in uns vorfinden. Wir sind dazu begabt, und Begabungen gehören entfaltet wie die Segel der Boote auf unseren Seen. Noch etwas können wir bedenken: Man kann sich nicht aussuchen, woher der Wind weht. Aber man kann als guter Segler auch gegen den Wind kreuzen. Auch wenn wir bei unseren täglichen Anstrengungen Widerstände spüren, ist der richtige Weg möglich. Ich wünsche Ihnen Ausdauer und Zielstrebigkeit. Dienstag, 14. April 2009Staunen über die Nähe Gottes
Ein Künstler unserer Zeit hat in der Kirche von Tanzenberg in Kärnten bemerkenswerte Bilder gemalt. Eine große Anzahl von Figuren ist da zu sehen, und all diese Figuren füllen den Altarraum der Kirche aus. Bewegt man sich näher auf diese Bilder zu, so lösen sich die Konturen auf und man steht inmitten einer unglaublich bunten Ansammlung von nur mehr schemenhaft vorhandenen, angedeuteten Gestalten. Je näher man kommt, desto mehr vergeht jede Klarheit der Umrisse.
Vielleicht haben Sie diese Erfahrung auch schon gemacht in der Begegnung mit Menschen ihres eigenen Alltags. Ein Mensch, den man näher kennenlernt, wird nicht berechenbarer und klarer, er verliert nichts von seinem Geheimnis, das er selbst ist – ganz im Gegenteil. Es verschwimmen die Konturen und stellen uns immer wieder vor die Frage, wie wir uns auf das Geheimnis eines derart nahen und doch wieder ganz ungreifbaren, unverfügbaren Menschen einlassen. Auch für unseren Glauben, der in der Begegnung mit Christus seinen Ausgangspunkt hat, gilt dasselbe: Die Nähe zu Christus äußert sich nicht darin, daß uns Gott wie eine Konstruktionszeichnung vor Augen steht. Wenn Gott uns in seine Nähe führt, sind wir immer nur die Staunenden. Dienstag, 7. April 2009Der Zugang zum heilenden Christus
Das Evangelium von der Heilung des Gelähmten, der durch das Dach heruntergelassen wird, hat mich aus aktuellem Anlass sehr nachdenklich gestimmt. Ich sehe die handelnden Personen vor mir und sie haben große Ähnlichkeit mit kirchlichen Zeitgenossen. Nur der durchs Dach gelassene Gelähmte bleibt für mich ein suchender Fremder. Jesus, umringt von Menschen in einem Raum, ist unzugänglich - nicht etwa, weil er das will, sondern weil die vielen rings um ihn nicht von ihrem Standpunkt abrücken wollen. Wie angewurzelt verteidigen sie ihren Platz, versperren Sicht und Weg, wissen sich als die wahren Vertreter der christlichen Frohbotschaft. Sie grenzen sich gegeneinander ab, und wer draußen steht, sieht nur die Positionskämpfe und Patentrezepte. Christus sieht er kaum. Der heilende Christus – ist er wirklich nur noch über das Dach erreichbar?
Sonntag, 5. April 2009Fehler machen und dabei das Lachen nicht verlernen
Ich werde immer wieder gefragt, ob man angesichts der hohen ethischen und moralischen Ansprüche der Kirche als katholischer Priester glaubwürdig leben kann. Das Problem sehe ich auch: Kann man dem, was die Kirche und die Erwartungshaltung einer Pfarrgemeinde an Vorgaben macht, überhaupt nachkommen? Wenn ich ehrlich bin und die eigene Situation ernst nehme, muss ich eingestehen: Ich bin ein fehlerhafter Mensch. Aber ich habe ein versöhntes Verhältnis zu meinen Unzulänglichkeiten. Sagt man nicht, man würde aus Fehlern lernen? Für diese Möglichkeit des Lernens bin ich dankbar, und das läßt mich etwas gelassener auftreten. So darf ich sogar meine Schwächen noch als wichtige Impulse der Besserung erfahren. Und vielleicht bin ich ja in meiner Hilfsbedürftigkeit sogar ein Hinweis auf einen helfenden, gnädigen, barmherzigen Gott.
Kennen Sie übrigens Menschen, die sich den Anschein der Fehlerlosigkeit zu geben versuchen? Ich kenne solche Zeitgenossen, und sie scheinen mir alle verkrampft und hart zu ihren Mitmenschen zu sein. Da möchte ich mich schon lieber lachend im Kreis derer wiederfinden, die sich der Verzeihung und der Gnade Gottes gewiß sind. Donnerstag, 2. April 2009Nicht Gewinn, sondern Versuchung
Schön wäre es schon, wenn man aus Steinen Brot machen könnte. Schön wäre es schon, wenn man im Besitz aller Länder wäre. Schön wäre es schon, wenn man bessere Flugeigenschaften hätte und ganz ohne Ticket, ganz ohne Flughafen und Flugzeug sich auf den Weg durch die Lüfte machen könnte. Stellen Sie sich vor, es gäbe so einen Gewinn bei einem Preisausschreiben: Sie haben gewonnen! Lebenslange Flugtauglichkeit, flattern sie nur! Sie haben gewonnen! Ernähren Sie sich und ihre Lieben von den Steinen am Weg! Wählen Sie zwischen Rindschnitzelgeschmack, Himbeer oder Zitrone! Sie haben gewonnen! - Jesus ist in dieser Situation!
Es ist eine wirklich teuflische Angelegenheit, wird uns da gesagt. Der Gewinn ist eigentlich gar keiner, der Gewinn ist nämlich wie ein Köder an der Angel. Hätte der Teufel Jesus an der Angel, würde er anbeißen und sich die Gewinne auszahlen lassen, dann könnte man ihn abschleppen, weg von den Menschen, dann wäre er kein Gefährte des Menschen mehr, sondern bloß ein flugtauglicher Superman. Dann wäre er kein Begleiter, keiner, der mit den Menschen geht und ihnen nahe ist, keiner, der das Leben des Menschen wirklich kennt und teilt. Wir hätten einen Freund weniger und einen Batman mehr. Aber Jesus durchschaut den Teufel: Er sieht, daß er nicht vor einem Gewinn, sondern vor einer Versuchung steht, nämlich der Versuchung, die Menschen im Stich zu lassen. Und er lehnt ab. Er bleibt denen treu, die er begleitet, er geht einen menschlichen Weg, und wir wissen in diesen Tagen vor Ostern, daß es ein Kreuzweg, ein Weg zum Tod und erst dann zur Auferstehung ist. Er geht einen Weg, der auch vom Menschen gegangen wird, und deshalb ist er für uns so bedeutsam. Christus verläßt uns nicht, auch wenn der Weg schwierig wird. Das ist die Botschaft dieses Evangeliums. Christus ist unser Freund, der bei uns bleibt in allen Schwierigkeiten. Dienstag, 31. März 2009Die Gänse und wir
Sören Kierkegaard hat die Christenheit einmal mit einer Gänseschar verglichen. Bei diesen "christlichen" Gänsen wird an jedem siebten Tag eine Parade abgehalten. Der beredtsame Gänserich steigt auf das Gatter und schnattert über das Wunder der Gänse. Er erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten und lobt die Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken die Köpfe und loben den Gänserich. Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht - sie fliegen nicht. sie gehen zum Mittagsmahl. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut und der Hof ist sicher.
Wenn sie irgendwelche Ähnlichkeiten feststellen zu unserer Situation, dann sind die durchaus beabsichtigt. Zurückzublicken auf die Großtaten Gottes mit den Gänsen, pardon - den Menschen, das mag auch uns in Staunen und Rührung versetzen, aber überlegen wir uns eigentlich, daß uns durch jenes Wirken Gottes Möglichkeiten gegeben sind? Wir können nicht fliegen - zumindest ist das Ankommen auf der Erde viel zu schmerzhaft. Aber wir haben doch Möglichkeiten, uns über die Details unseres Alltags zu erheben, neue Perspektiven festzustellen, in einem visionären Blick auf all das vordergründig Bedrängende Gestaltungsmöglichkeiten zu finden - aus jener Hoffnung heraus, die aus dem Leben Jesu Christi kommt. Wissen wir das oder sind wir wie die Gänse im Hof? Montag, 30. März 2009Mit offenen Armen empfangen
Vor einigen Wochen bin ich in einem Park gesessen und habe gelesen. Die Wiese vor mir wurde von einer Mutter und ihrer kleinen Tochter zum Spielen genützt. Die Mutter entfernte sich ein paar Schritte von ihrem Kind und forderte es auf zu kommen. Das Kind, das offensichtlich noch nicht laufen konnte, erhob sich mühsam und knickte auf seinen schwachen Beinen wieder ein. Mehrmals wiederholte sich die Szene, immer wieder rief die Mutter aus kurzem Abstand ihr Kind und forderte es zum Kommen auf. Und schließlich gelang dem Kind, wozu es aufgefordert wurde: Mit wackligen Beinen lief es in die offenen Arme der Mutter.
In die offenen Arme eines liebenden Gegenüber zu laufen - das ist, denke ich, die einzig sinnvolle Art, sich fortbewegen zu lernen. Wir wissen als Christen darum, dass wir empfangen werden, gut ankommen in den Armen eines Gottes, der uns mag, unabhängig davon, wieviel wir stolpern und wie oft wir hinfallen. Wir dürfen uns das Hinfallen leisten. Wir dürfen Fehler machen. Wir dürfen unsere Schwächen akzeptieren und müssen sie nicht verdrängen. Wir dürfen aber auch wissen, dass uns jemand ruft und mag. Freitag, 27. März 2009Die eigene Bewegung und das Getragensein
Wie lernt man schwimmen? Ich kann Ihnen sagen, wie man es nicht lernt. Man lernt es nicht, indem man Bewegungen trainiert. Man kann in der Wüste nicht schwimmen lernen. Man kann noch so viele gescheite Bücher über die richtigen Bewegungen lesen, die zu vollführen sind. Davon lernt man nicht schwimmen. Man muß das Wasser spüren. Man muß erfahren, daß das Wasser trägt und muß erfahren, daß es Freude macht, sich im Wasser aufzuhalten. Das erfährt man nicht in der Wüste und nicht auf dem Berg. Schwimmen lernt nur der, der eine Grunderfahrung hat. Diese Erfahrung heißt: Ich weiß, daß mich das Wasser trägt.
Warum ich Ihnen das erzähle? Weil wir eigentlich alle als mehr oder weniger gute Schwimmer in unserem Leben unterwegs sind. Wer nicht weiß, daß er getragen ist in seinem Leben, der wird strampeln und um sich schlagen wie ein Ertrinkender. Wir brauchen in unserem Leben die Grunderfahrung des Schwimmers: Ich weiß, daß ich getragen bin. Mit diesem Wissen kann ich gelassen, ruhig, aber mit aller geplanten Kraft meine Bewegungen machen, und sie werden mich wie einen guten Schwimmer ans Ziel bringen. Sind wir getragen in unserem Leben? Strampeln wir nur, um nicht unterzugehen? Das ist auch das Schöne an unserem Glauben, daß wir nicht die Technik des Schwimmens, sondern die Tragkraft des Wassers im Mittelpunkt unserer Betrachtungen haben dürfen. Keine klugen Gebrauchsanweisungen, sondern die einfache Tatsache: Getragen werden wir, und deshalb können wir uns selber fortbewegen. Ich wünsche Ihnen diese Erfahrung des Getragenseins, die wir alle so dringend brauchen. Donnerstag, 26. März 2009Innen und Außen des Glaubens
Jeder Anlaß verlangt seine besondere Kleidung. Man kann nicht in der Badehose in die Oper gehen. Auch der sonntägliche Kirchgang ist für viele der Anlaß für festliche Kleidung. Unserem Äußeren entspricht eine innere Einstellung, eine Absicht. Das ist nicht nur bei der Kleidung so. Denken Sie an die Art, wie wir einander begrüßen. Sie begegnen einem Bekannten. Sie nicken mit dem Kopf. Sie lächeln, sie schütteln ihm die Hand. Wer all das losgelöst von der Absicht betrachtet, die dahintersteht, der sieht nur Turnübungen: Turnübungen des Gesichts, der Hände, des ganzen Körpers. So aber heißt es: Schön, dich zu sehen!
Wir leben, so gesehen, mit Äußerlichkeiten. Sie hängen mit unserem Inneren, mit unserem Wollen und unserer Einstellung zusammen. Und sie sind, was den Menschen angeht, in gewissem Sinn sogar lebenswichtig. Jedes Ding hat doch seine Außenseite, auch das Lebewesen Mensch besteht nicht nur aus Herz, sondern zum Beispiel auch aus Haut. Ein Mensch ohne Haut ist so tot wie ein Mensch ohne Herz. Die Haut, die Außenseite des Menschen, die Äußerlichkeiten, sind selbst die Kontaktmöglichkeit des Menschen, die Fähigkeit, mit seiner Umwelt in Beziehung zu treten. Wir dürfen und sollen unserem Glauben, unserem Verhältnis zu Gott, in unserem Leben Gestalt geben, wir dürfen und sollen Formen entwickeln, die unseren Glauben sichtbar und weitergebbar werden lassen. Wir brauchen Zeichen, sozusagen als Außenseite unseres Glaubens, die uns wie eine Haut den Kontakt zum Nächsten ermöglichen. Aber das Zeichen, die Außenseite darf nicht lügen. Wir selber, als einzelne ebenso wie als Kirche, müssen wirklich aus jenen Quellen des Glaubens leben, auf die wir andere mit unseren Zeichen hinweisen. Ich wünsche Ihnen, daß Sie in dieser Fastenzeit die Quellen des Gebets und des Gottesdienstes neu und tiefer entdecken und daraus Ihrem Leben Gestalt geben können. Mittwoch, 25. März 2009Ohne Du kein Ich
Werfen Sie mit mir einmal einen Blick auf ihre eigenen Hände.
Sie wissen, daß man eine Person an den Fingerabdrücken erkennt. Sie sind einzigartig und unverwechselbar. Wer sie zu lesen versteht, kennt den Täter. Glauben Sie, daß man seine Einzigartigkeit, seine Unverwechselbarkeit schützen kann, indem man die Fingerspitzen schont und keinem Menschen mehr die Hand reicht? Sicher nicht. Manche aber handeln so. Sie reichen dem Mitmenschen, dem Fremden, dem anderen ihre Hände nicht mehr, sie verweigern die freundliche Aufnahme und die Hilfe und sagen: Ich möchte damit meine Eigenheit, meine Kultur, meine Sprache schützen. Ich will mich nicht überfremden lassen. Dabei wissen diese Leute gar nicht, daß menschliches Leben erst dort beginnt, wo geteilt wird, wo Hände gereicht werden, wo Gemeinschaft und nicht Isolation herrscht. Man kann sich nicht selbst bewahren, indem man sich abschließt, sondern indem man sich hergibt, ins Spiel bringt. Es ist zu einfach, naserümpfend vom bösen Nachbarn, vom verdächtig aussehenden Asylanten, vom kriminellen Ausländer zu reden: Dem, der es tut, schadet es sogar. Denn durch Abschluß bewahren kann man höchstens saure Gurken, aber nicht den Menschen. Wir brauchen die frische Luft, auch dann, wenn sie uns mitunter kalt ins Gesicht bläst. Wir werden erst in der Begegnung mit dem anderen, im Reichen der helfenden Hand, im freundlichen Wort an den Mitmenschen wir selber. Wir sind auf ein Du hin angelegt, das Gott heißt. Diese große Begegnung kann eingeübt werden in den vielen kleinen Begegnungen mit dem Fremden und den Fremdheiten dieses Tages. Ich wünsche Ihnen den Mut zu neuen Begegnungen, den Mut zur helfenden Hand, den Mut, sich ins Spiel zu bringen, sich auf den Mitmenschen einzulassen und sich selbst dabei zu gewinnen. Dienstag, 24. März 2009Warum Geschwister und nicht Freunde?
Wenn wir für den liturgischen Gebrauch die Anrede „Brüder und Schwestern“ verwenden und nicht „sehr geehrte Damen und Herren“, dann hat das seinen guten Grund. Wir sagen auch nur selten „liebe Freunde“, denn vielleicht ist in der Schar derer, die wir anreden, mancher, der sich gar nicht als unser Freund versteht und verstehen will. Freunde sucht man sich aus und läßt sie sich nicht aufdrängen oder vorschreiben. Brüder jedoch sind uns vorgegeben, die jüngeren Brüder sind uns nachgegeben. Gegeben sind sie jedenfalls, und sie fordern zur Annahme heraus. Das könnte tatsächlich ein wichtiges Argument für diese Anrede sein. Wir haben uns einander nicht ausgesucht, auch in unserer Diözese nicht, und deshalb gehen wir miteinander so um wie man mit Geschwistern umgeht und nicht mit Freunden. Geschwisterlichkeit ist angesagt, nicht Freundlichkeit. Ausgesucht haben wir uns einander nicht als unsere Gesprächspartner, als unsere Weggefährten, als unsere Berufskollegen, aber wir sind hineingestellt in die gleiche Familie. Was macht die Familie, die Verwandtschaft eigentlich aus? Daß sie sich zu allen heiligen Zeiten trifft? Ich denke, es ist wohl zuerst einmal die Tatsache, daß man auf gemeinsame Vorfahren zurückblicken kann, auf einen gemeinsamen biologischen Grund des Lebens gewissermaßen, und sehr oft auch auf gemeinsame Bedingungen der Existenz. Unser Verhältnis zueinander ist in diesem Sinn gewiß brüderlich.
Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln. So sagt es Christus im Evangelium. Verwandtschaftliche Verhältnisse sind auch hier angesprochen, und auch hier geht es um die Bedingungen und den Grund der Existenz dieser Familie, das Wort Gottes. Gegründet auf das Wort Gottes werden wir hineingenommen in die verwandtschaftliche Beziehung zu Christus und zum hörenden Nächsten. Gegründet auf das Wort Gottes wird Geschwisterlichkeit lebbar. Nicht als gewalttätige Harmonisierung der Verschiedenen, sondern als ehrliches Aushalten des Gesprächs mit dem anderen. Der Grund muß halten, dann kann man sich auch darauf bewegen und braucht sich nicht im eigenen Graben zu verschanzen. Montag, 23. März 2009Nichts unzerkaut schlucken
Von einem Museumsbesuch ist mir ein berühmtes Bild in Erinnerung. Ein Gesicht war darauf zu sehen, das aus zahlreichen Speisen zusammengesetzt war: Aus Karotten die Nase, aus Obst und Gemüse und Wurst das ganze Gesicht.
Manche meinen ja: der Mensch ist, was er ißt. Entspricht dieses Bild, wie es den Menschen darstellt, tatsächlich unserer Wirklichkeit? Sind wir nicht mehr als das, was wir konsumieren, was wir verbraucht haben, was wir zu uns nehmen? Sind wir das wirklich? Wer das behauptet, vergißt auf die Möglichkeit des Menschen, sich das Zugeführte wirklich zu eigen zu machen. Wer nur hinunterschluckt und nicht kaut, der kann sich nicht ernähren. Kauen und verdauen, das ist es, was uns ermöglicht zu leben und nicht so auszuschauen wie das eingangs angeführte Bild. Wir sind mehr als nur Karotten mit Schnitzel und Reis. Wir haben unser eigenes Gesicht. Es ist aber nicht nur die Nahrung des Körpers, die gekaut und verdaut werden muß. Das gleiche gilt auch für die geistige Nahrung: Wir sind mehr als all die gescheiten Worte, die wir gehört haben; wir sind mehr als das Bündel von Zuspruch und Ablehnung, das man uns zukommen läßt. Wir sind auch mit geistigen Kauwerkzeugen ausgestattet, die verwendet werden müssen. Das bloße Hinunterschlucken genügt nicht. Auch unseren Glauben können wir als ein Lebensmittel verstehen. Er soll nicht im ganzen hinuntergeschluckt werden, sonst bleibt er uns im Magen liegen oder verursacht Blähungen des Gemüts, gelegentlich auch Haltungsfehler oder eine Art von geistlich-geistiger Zuckerkrankheit. Bringen wir unsere Zähne, unsere Kiefer zum Einsatz. Lassen wir unseren Verstand spielen, wenn es um die neue Aneignung all der Dinge geht, die uns leben machen. Hinunterschlucken genügt nicht.
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