Werfen Sie mit mir einmal einen Blick auf ihre eigenen Hände.
Sie wissen, daß man eine Person an den Fingerabdrücken erkennt. Sie sind einzigartig und unverwechselbar. Wer sie zu lesen versteht, kennt den Täter. Glauben Sie, daß man seine Einzigartigkeit, seine Unverwechselbarkeit schützen kann, indem man die Fingerspitzen schont und keinem Menschen mehr die Hand reicht? Sicher nicht. Manche aber handeln so. Sie reichen dem Mitmenschen, dem Fremden, dem anderen ihre Hände nicht mehr, sie verweigern die freundliche Aufnahme und die Hilfe und sagen: Ich möchte damit meine Eigenheit, meine Kultur, meine Sprache schützen. Ich will mich nicht überfremden lassen.
Dabei wissen diese Leute gar nicht, daß menschliches Leben erst dort beginnt, wo geteilt wird, wo Hände gereicht werden, wo Gemeinschaft und nicht Isolation herrscht. Man kann sich nicht selbst bewahren, indem man sich abschließt, sondern indem man sich hergibt, ins Spiel bringt. Es ist zu einfach, naserümpfend vom bösen Nachbarn, vom verdächtig aussehenden Asylanten, vom kriminellen Ausländer zu reden: Dem, der es tut, schadet es sogar. Denn durch Abschluß bewahren kann man höchstens saure Gurken, aber nicht den Menschen. Wir brauchen die frische Luft, auch dann, wenn sie uns mitunter kalt ins Gesicht bläst. Wir werden erst in der Begegnung mit dem anderen, im Reichen der helfenden Hand, im freundlichen Wort an den Mitmenschen wir selber. Wir sind auf ein Du hin angelegt, das Gott heißt. Diese große Begegnung kann eingeübt werden in den vielen kleinen Begegnungen mit dem Fremden und den Fremdheiten dieses Tages.
Ich wünsche Ihnen den Mut zu neuen Begegnungen, den Mut zur helfenden Hand, den Mut, sich ins Spiel zu bringen, sich auf den Mitmenschen einzulassen und sich selbst dabei zu gewinnen.