Dienstag, 31. März 2009Die Gänse und wir
Sören Kierkegaard hat die Christenheit einmal mit einer Gänseschar verglichen. Bei diesen "christlichen" Gänsen wird an jedem siebten Tag eine Parade abgehalten. Der beredtsame Gänserich steigt auf das Gatter und schnattert über das Wunder der Gänse. Er erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten und lobt die Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken die Köpfe und loben den Gänserich. Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht - sie fliegen nicht. sie gehen zum Mittagsmahl. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut und der Hof ist sicher.
Wenn sie irgendwelche Ähnlichkeiten feststellen zu unserer Situation, dann sind die durchaus beabsichtigt. Zurückzublicken auf die Großtaten Gottes mit den Gänsen, pardon - den Menschen, das mag auch uns in Staunen und Rührung versetzen, aber überlegen wir uns eigentlich, daß uns durch jenes Wirken Gottes Möglichkeiten gegeben sind? Wir können nicht fliegen - zumindest ist das Ankommen auf der Erde viel zu schmerzhaft. Aber wir haben doch Möglichkeiten, uns über die Details unseres Alltags zu erheben, neue Perspektiven festzustellen, in einem visionären Blick auf all das vordergründig Bedrängende Gestaltungsmöglichkeiten zu finden - aus jener Hoffnung heraus, die aus dem Leben Jesu Christi kommt. Wissen wir das oder sind wir wie die Gänse im Hof? Montag, 30. März 2009Mit offenen Armen empfangen
Vor einigen Wochen bin ich in einem Park gesessen und habe gelesen. Die Wiese vor mir wurde von einer Mutter und ihrer kleinen Tochter zum Spielen genützt. Die Mutter entfernte sich ein paar Schritte von ihrem Kind und forderte es auf zu kommen. Das Kind, das offensichtlich noch nicht laufen konnte, erhob sich mühsam und knickte auf seinen schwachen Beinen wieder ein. Mehrmals wiederholte sich die Szene, immer wieder rief die Mutter aus kurzem Abstand ihr Kind und forderte es zum Kommen auf. Und schließlich gelang dem Kind, wozu es aufgefordert wurde: Mit wackligen Beinen lief es in die offenen Arme der Mutter.
In die offenen Arme eines liebenden Gegenüber zu laufen - das ist, denke ich, die einzig sinnvolle Art, sich fortbewegen zu lernen. Wir wissen als Christen darum, dass wir empfangen werden, gut ankommen in den Armen eines Gottes, der uns mag, unabhängig davon, wieviel wir stolpern und wie oft wir hinfallen. Wir dürfen uns das Hinfallen leisten. Wir dürfen Fehler machen. Wir dürfen unsere Schwächen akzeptieren und müssen sie nicht verdrängen. Wir dürfen aber auch wissen, dass uns jemand ruft und mag. Freitag, 27. März 2009Die eigene Bewegung und das Getragensein
Wie lernt man schwimmen? Ich kann Ihnen sagen, wie man es nicht lernt. Man lernt es nicht, indem man Bewegungen trainiert. Man kann in der Wüste nicht schwimmen lernen. Man kann noch so viele gescheite Bücher über die richtigen Bewegungen lesen, die zu vollführen sind. Davon lernt man nicht schwimmen. Man muß das Wasser spüren. Man muß erfahren, daß das Wasser trägt und muß erfahren, daß es Freude macht, sich im Wasser aufzuhalten. Das erfährt man nicht in der Wüste und nicht auf dem Berg. Schwimmen lernt nur der, der eine Grunderfahrung hat. Diese Erfahrung heißt: Ich weiß, daß mich das Wasser trägt.
Warum ich Ihnen das erzähle? Weil wir eigentlich alle als mehr oder weniger gute Schwimmer in unserem Leben unterwegs sind. Wer nicht weiß, daß er getragen ist in seinem Leben, der wird strampeln und um sich schlagen wie ein Ertrinkender. Wir brauchen in unserem Leben die Grunderfahrung des Schwimmers: Ich weiß, daß ich getragen bin. Mit diesem Wissen kann ich gelassen, ruhig, aber mit aller geplanten Kraft meine Bewegungen machen, und sie werden mich wie einen guten Schwimmer ans Ziel bringen. Sind wir getragen in unserem Leben? Strampeln wir nur, um nicht unterzugehen? Das ist auch das Schöne an unserem Glauben, daß wir nicht die Technik des Schwimmens, sondern die Tragkraft des Wassers im Mittelpunkt unserer Betrachtungen haben dürfen. Keine klugen Gebrauchsanweisungen, sondern die einfache Tatsache: Getragen werden wir, und deshalb können wir uns selber fortbewegen. Ich wünsche Ihnen diese Erfahrung des Getragenseins, die wir alle so dringend brauchen. Donnerstag, 26. März 2009Innen und Außen des Glaubens
Jeder Anlaß verlangt seine besondere Kleidung. Man kann nicht in der Badehose in die Oper gehen. Auch der sonntägliche Kirchgang ist für viele der Anlaß für festliche Kleidung. Unserem Äußeren entspricht eine innere Einstellung, eine Absicht. Das ist nicht nur bei der Kleidung so. Denken Sie an die Art, wie wir einander begrüßen. Sie begegnen einem Bekannten. Sie nicken mit dem Kopf. Sie lächeln, sie schütteln ihm die Hand. Wer all das losgelöst von der Absicht betrachtet, die dahintersteht, der sieht nur Turnübungen: Turnübungen des Gesichts, der Hände, des ganzen Körpers. So aber heißt es: Schön, dich zu sehen!
Wir leben, so gesehen, mit Äußerlichkeiten. Sie hängen mit unserem Inneren, mit unserem Wollen und unserer Einstellung zusammen. Und sie sind, was den Menschen angeht, in gewissem Sinn sogar lebenswichtig. Jedes Ding hat doch seine Außenseite, auch das Lebewesen Mensch besteht nicht nur aus Herz, sondern zum Beispiel auch aus Haut. Ein Mensch ohne Haut ist so tot wie ein Mensch ohne Herz. Die Haut, die Außenseite des Menschen, die Äußerlichkeiten, sind selbst die Kontaktmöglichkeit des Menschen, die Fähigkeit, mit seiner Umwelt in Beziehung zu treten. Wir dürfen und sollen unserem Glauben, unserem Verhältnis zu Gott, in unserem Leben Gestalt geben, wir dürfen und sollen Formen entwickeln, die unseren Glauben sichtbar und weitergebbar werden lassen. Wir brauchen Zeichen, sozusagen als Außenseite unseres Glaubens, die uns wie eine Haut den Kontakt zum Nächsten ermöglichen. Aber das Zeichen, die Außenseite darf nicht lügen. Wir selber, als einzelne ebenso wie als Kirche, müssen wirklich aus jenen Quellen des Glaubens leben, auf die wir andere mit unseren Zeichen hinweisen. Ich wünsche Ihnen, daß Sie in dieser Fastenzeit die Quellen des Gebets und des Gottesdienstes neu und tiefer entdecken und daraus Ihrem Leben Gestalt geben können. Mittwoch, 25. März 2009Ohne Du kein Ich
Werfen Sie mit mir einmal einen Blick auf ihre eigenen Hände.
Sie wissen, daß man eine Person an den Fingerabdrücken erkennt. Sie sind einzigartig und unverwechselbar. Wer sie zu lesen versteht, kennt den Täter. Glauben Sie, daß man seine Einzigartigkeit, seine Unverwechselbarkeit schützen kann, indem man die Fingerspitzen schont und keinem Menschen mehr die Hand reicht? Sicher nicht. Manche aber handeln so. Sie reichen dem Mitmenschen, dem Fremden, dem anderen ihre Hände nicht mehr, sie verweigern die freundliche Aufnahme und die Hilfe und sagen: Ich möchte damit meine Eigenheit, meine Kultur, meine Sprache schützen. Ich will mich nicht überfremden lassen. Dabei wissen diese Leute gar nicht, daß menschliches Leben erst dort beginnt, wo geteilt wird, wo Hände gereicht werden, wo Gemeinschaft und nicht Isolation herrscht. Man kann sich nicht selbst bewahren, indem man sich abschließt, sondern indem man sich hergibt, ins Spiel bringt. Es ist zu einfach, naserümpfend vom bösen Nachbarn, vom verdächtig aussehenden Asylanten, vom kriminellen Ausländer zu reden: Dem, der es tut, schadet es sogar. Denn durch Abschluß bewahren kann man höchstens saure Gurken, aber nicht den Menschen. Wir brauchen die frische Luft, auch dann, wenn sie uns mitunter kalt ins Gesicht bläst. Wir werden erst in der Begegnung mit dem anderen, im Reichen der helfenden Hand, im freundlichen Wort an den Mitmenschen wir selber. Wir sind auf ein Du hin angelegt, das Gott heißt. Diese große Begegnung kann eingeübt werden in den vielen kleinen Begegnungen mit dem Fremden und den Fremdheiten dieses Tages. Ich wünsche Ihnen den Mut zu neuen Begegnungen, den Mut zur helfenden Hand, den Mut, sich ins Spiel zu bringen, sich auf den Mitmenschen einzulassen und sich selbst dabei zu gewinnen. Dienstag, 24. März 2009Warum Geschwister und nicht Freunde?
Wenn wir für den liturgischen Gebrauch die Anrede „Brüder und Schwestern“ verwenden und nicht „sehr geehrte Damen und Herren“, dann hat das seinen guten Grund. Wir sagen auch nur selten „liebe Freunde“, denn vielleicht ist in der Schar derer, die wir anreden, mancher, der sich gar nicht als unser Freund versteht und verstehen will. Freunde sucht man sich aus und läßt sie sich nicht aufdrängen oder vorschreiben. Brüder jedoch sind uns vorgegeben, die jüngeren Brüder sind uns nachgegeben. Gegeben sind sie jedenfalls, und sie fordern zur Annahme heraus. Das könnte tatsächlich ein wichtiges Argument für diese Anrede sein. Wir haben uns einander nicht ausgesucht, auch in unserer Diözese nicht, und deshalb gehen wir miteinander so um wie man mit Geschwistern umgeht und nicht mit Freunden. Geschwisterlichkeit ist angesagt, nicht Freundlichkeit. Ausgesucht haben wir uns einander nicht als unsere Gesprächspartner, als unsere Weggefährten, als unsere Berufskollegen, aber wir sind hineingestellt in die gleiche Familie. Was macht die Familie, die Verwandtschaft eigentlich aus? Daß sie sich zu allen heiligen Zeiten trifft? Ich denke, es ist wohl zuerst einmal die Tatsache, daß man auf gemeinsame Vorfahren zurückblicken kann, auf einen gemeinsamen biologischen Grund des Lebens gewissermaßen, und sehr oft auch auf gemeinsame Bedingungen der Existenz. Unser Verhältnis zueinander ist in diesem Sinn gewiß brüderlich.
Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln. So sagt es Christus im Evangelium. Verwandtschaftliche Verhältnisse sind auch hier angesprochen, und auch hier geht es um die Bedingungen und den Grund der Existenz dieser Familie, das Wort Gottes. Gegründet auf das Wort Gottes werden wir hineingenommen in die verwandtschaftliche Beziehung zu Christus und zum hörenden Nächsten. Gegründet auf das Wort Gottes wird Geschwisterlichkeit lebbar. Nicht als gewalttätige Harmonisierung der Verschiedenen, sondern als ehrliches Aushalten des Gesprächs mit dem anderen. Der Grund muß halten, dann kann man sich auch darauf bewegen und braucht sich nicht im eigenen Graben zu verschanzen. Montag, 23. März 2009Nichts unzerkaut schlucken
Von einem Museumsbesuch ist mir ein berühmtes Bild in Erinnerung. Ein Gesicht war darauf zu sehen, das aus zahlreichen Speisen zusammengesetzt war: Aus Karotten die Nase, aus Obst und Gemüse und Wurst das ganze Gesicht.
Manche meinen ja: der Mensch ist, was er ißt. Entspricht dieses Bild, wie es den Menschen darstellt, tatsächlich unserer Wirklichkeit? Sind wir nicht mehr als das, was wir konsumieren, was wir verbraucht haben, was wir zu uns nehmen? Sind wir das wirklich? Wer das behauptet, vergißt auf die Möglichkeit des Menschen, sich das Zugeführte wirklich zu eigen zu machen. Wer nur hinunterschluckt und nicht kaut, der kann sich nicht ernähren. Kauen und verdauen, das ist es, was uns ermöglicht zu leben und nicht so auszuschauen wie das eingangs angeführte Bild. Wir sind mehr als nur Karotten mit Schnitzel und Reis. Wir haben unser eigenes Gesicht. Es ist aber nicht nur die Nahrung des Körpers, die gekaut und verdaut werden muß. Das gleiche gilt auch für die geistige Nahrung: Wir sind mehr als all die gescheiten Worte, die wir gehört haben; wir sind mehr als das Bündel von Zuspruch und Ablehnung, das man uns zukommen läßt. Wir sind auch mit geistigen Kauwerkzeugen ausgestattet, die verwendet werden müssen. Das bloße Hinunterschlucken genügt nicht. Auch unseren Glauben können wir als ein Lebensmittel verstehen. Er soll nicht im ganzen hinuntergeschluckt werden, sonst bleibt er uns im Magen liegen oder verursacht Blähungen des Gemüts, gelegentlich auch Haltungsfehler oder eine Art von geistlich-geistiger Zuckerkrankheit. Bringen wir unsere Zähne, unsere Kiefer zum Einsatz. Lassen wir unseren Verstand spielen, wenn es um die neue Aneignung all der Dinge geht, die uns leben machen. Hinunterschlucken genügt nicht. Türen öffnenBei einem Krankenbesuch hat mir vor kurzem jemand erzählt, dass seine schnelle Versorgung durch Rettung und Arzt nur möglich war, weil er sich mit letzter Kraft bis zur Haustür bewegt und aufgesperrt hatte. Die Tür zu öffnen für die rettende Hilfe eines anderen – das ist das Motiv und Programm der Fastenzeit. Die eigene Schwäche und Hilfsbedürftigkeit muss dabei zuerst eingestanden und signalisiert werden, damit wirklich Hilfe bei uns ankommen kann. Wir haben den Schlüssel in der Hand für die Ankunft des Retters im Haus unseres Lebens. Wenn wir am Beginn der Fastenzeit im Aschermittwoch - Gottesdienst aufgefordert wurden zu bedenken, dass wir Staub sind und wieder zum Staub zurückkehren, meint das nichts anderes. Mit dem Blick auf die eigene Schwäche und Sterblichkeit machen wir die Tür auf für die Botschaft von der Auferstehung, für unsere Rettung und Heilung. Ich wünsche Ihnen die realistische Sicht auf die eigenen Möglichkeiten und Schwächen und eine gesegnete Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest. |
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