Wenn wir für den liturgischen Gebrauch die Anrede „Brüder und Schwestern“ verwenden und nicht „sehr geehrte Damen und Herren“, dann hat das seinen guten Grund. Wir sagen auch nur selten „liebe Freunde“, denn vielleicht ist in der Schar derer, die wir anreden, mancher, der sich gar nicht als unser Freund versteht und verstehen will. Freunde sucht man sich aus und läßt sie sich nicht aufdrängen oder vorschreiben. Brüder jedoch sind uns vorgegeben, die jüngeren Brüder sind uns nachgegeben. Gegeben sind sie jedenfalls, und sie fordern zur Annahme heraus. Das könnte tatsächlich ein wichtiges Argument für diese Anrede sein. Wir haben uns einander nicht ausgesucht, auch in unserer Diözese nicht, und deshalb gehen wir miteinander so um wie man mit Geschwistern umgeht und nicht mit Freunden. Geschwisterlichkeit ist angesagt, nicht Freundlichkeit. Ausgesucht haben wir uns einander nicht als unsere Gesprächspartner, als unsere Weggefährten, als unsere Berufskollegen, aber wir sind hineingestellt in die gleiche Familie. Was macht die Familie, die Verwandtschaft eigentlich aus? Daß sie sich zu allen heiligen Zeiten trifft? Ich denke, es ist wohl zuerst einmal die Tatsache, daß man auf gemeinsame Vorfahren zurückblicken kann, auf einen gemeinsamen biologischen Grund des Lebens gewissermaßen, und sehr oft auch auf gemeinsame Bedingungen der Existenz. Unser Verhältnis zueinander ist in diesem Sinn gewiß brüderlich.
Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln. So sagt es Christus im Evangelium. Verwandtschaftliche Verhältnisse sind auch hier angesprochen, und auch hier geht es um die Bedingungen und den Grund der Existenz dieser Familie, das Wort Gottes. Gegründet auf das Wort Gottes werden wir hineingenommen in die verwandtschaftliche Beziehung zu Christus und zum hörenden Nächsten. Gegründet auf das Wort Gottes wird Geschwisterlichkeit lebbar. Nicht als gewalttätige Harmonisierung der Verschiedenen, sondern als ehrliches Aushalten des Gesprächs mit dem anderen. Der Grund muß halten, dann kann man sich auch darauf bewegen und braucht sich nicht im eigenen Graben zu verschanzen.